Foto: Tanja Schnitzler

Bedeutung der Kultur in Neukölln

Neukölln hat ein überwiegend negatives Außenimage und wird immer wieder als prominentes Beispiel für ein ganzes Bündel sozialer Problemsituationen genannt. Dieses Image wird genährt von Negativ-Schlagzeilen wie „Endstation Neukölln“ (1997) oder „Neukölln. Karte der Angst“ (2008). Medial ist das Bild Neuköllns geprägt von einer kulturellen und sozialen Verwüstung. Zweifellos bestehende Probleme aufzuzeigen, zugleich aber die ebenso vielfältig bestehenden Lösungsansätze im Bildungs- und Kulturbereich anzuführen, ist eine der Aufgaben der 48 Stunden Neukölln und der lokalen und internationalen Akteure, die sich einem integrativen Ansatz verpflichtet fühlen.

Eine nachweisliche Leistung des Festivals ist es, vorhandene Ängste und Vorurteile zu relativieren bzw. abzubauen. Das Festival ist Anlass, sich im weitgehend unbekannten, zu Unrecht Furcht erregenden Nord-Neukölln auf Entdeckungsreise zu begeben und völlig neue Stadtregionen kennen zu lernen.

Aus der Konfrontation von zeitgenössischer Kunst und gesellschaftlicher Realität, die geprägt ist von hoher Arbeitslosigkeit, schlechter Bildung, einer große Zahl jugendlicher Schulabbrecher, sowie der sozialen Verwahrlosung ganzer Straßenzüge, ergeben sich immer wieder neue Ansätze und Synergien, sowie nachhaltige Strategien für die Entwicklung einer Stadtteilkultur. Die 48 Stunden Neukölln fördern die Akzeptanz von Vielfalt und Diversität. Und ein Wandel ist zu bemerken: Einzelne Bereiche des Stadtgebietes sind inzwischen berlinweit als attraktive Szenekieze anerkannt, so der Reuterkiez, die Region um den Richardplatz, die Boddin- und die Weserstraße. Zugleich mit dieser neu erwachten Attraktivität sind allerdings bereits Ansätze einer Gentrifizierung zu konstatieren. Der Zuzug internationaler KünstlerInnen und junger Menschen aus der ganzen Welt prägt die neue Wahrnehmung und das neue Selbstverständnis eines gesamten Stadtteils. Neben der derzeitigen kulturellen und subkulturellen Blüte dürfen aber die nachhaltigen politischen und gesellschaftlichen Lösungsansätze für den „Problemkiez“ nicht vernachlässigt werden.

Die 48 Stunden Neukölln ermöglichen als Kontaktzone die Begegnung unterschiedlicher sozialer und ethnischer Gruppen. In Anerkennung dieser Leistungen und Perspektiven erhielt das Kulturnetzwerk Neukölln 2008 den Kulturpreis der in Bonn ansässigen Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. In der Begründung der Jury heißt es:

48 Stunden Neukölln leistet im wahrsten Sinne des Wortes Entwicklungshilfe: für den Stadtteil und seine Menschen, für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler und nicht zuletzt für die Kunst und Kultur, die sich immer wieder als innovativste Kraft des Stadtteils erwiesen. […] Das Konzept, einen ganzen Stadtteil über 48 Stunden lang mit Kunst und Kultur zum Leben zu bringen und dabei seine kreativen Entwicklungspotenziale aufzudecken, ist einzigartig und überzeugend. Doch nicht nur das Festival ist preiswürdig, ebenso lobenswert ist die Organisation und Umsetzung der Arbeit vor Ort, die auf ein breites Netzwerk der im Kiez verankerten Künstlerinnen und Künstler setzt. Hier inszeniert sich ein Stadtteil selbst und zeigt damit, dass Kunst und Kultur nicht nur symbolisch zum Motor der Stadtentwicklung werden können.“

Im Herbst 2009 wurde das Festival beim Kulturmarken-Award der Agentur Causales zur Trendmarke des Jahres 2009 im deutschsprachigen Raum gekürt, da es „dem schlechten Image des Bezirks mit Kreativität und Eigeninitiative begegne und zur Teilhabe am kulturellen Austausch zwischen den unterschiedlichen Ethnien einlade“.

So kann sich der Bezirk als multikulturelle, vielseitige und tolerante Heimat einer blühenden Kunst- und Kulturszene präsentieren. Die Kultur in Neukölln und ihre 48-Stunden-Blüte wächst nicht auf Wohlstandsboden, sondern auf Armut, Brüchigkeit und Konflikten. Auf diesem Nährboden entwickelt sich ein inzwischen immer mehr beachtetes Kreativzentrum, das sich im Festival präsentieren kann.